Für den engagierten Athleten ist der hartnäckigste Gegner selten mangelnder Einsatz. Viel häufiger sind es Plateaus, die sich nicht überwinden lassen, oder wiederkehrende Verletzungen, die genau dann auftreten, wenn das Trainingsvolumen seinen Höhepunkt erreicht. Ein ziehender Schmerz im unteren Rücken oder eine empfindliche Achillessehne werden oft als „Pech“ oder als unvermeidbarer Preis eines leistungsorientierten Lebens abgetan. In der Welt der Sportphysiotherapie und der Atemwissenschaft betrachtet man solche Probleme jedoch aus einer systemischen Perspektive.
Echte Widerstandsfähigkeit entsteht nicht an der Oberfläche durch die bloße Jagd nach mehr Kraft, sondern in der unsichtbaren Infrastruktur dessen, wie wir uns bewegen – und noch grundlegender – wie wir atmen.

Die Illusion der Symmetrie
Wir sind daran gewöhnt zu glauben, der menschliche Körper sei ein Spiegelbild seiner selbst. Unzählige Stunden im Kraftraum verbringen wir damit, ihn in ein ästhetisches Ideal der Symmetrie zu pressen. Doch der menschliche Körper ist von Natur aus asymmetrisch – angefangen bei der Lage der inneren Organe bis hin zu lateralen Dominanzen und Bewegungsmustern.
Wenn wir versuchen, diese natürliche Asymmetrie zu „korrigieren“ und beide Seiten identisch arbeiten zu lassen, stören wir das innere Gleichgewicht. Die Folge ist eine Kette biomechanischer Kompensationen. Wird dem Körper seine natürliche Asymmetrie genommen, sucht er Stabilität an anderer Stelle – meist durch Überlastung und Spannung. Genau deshalb ist anhaltender Knieschmerz selten ein reines Knieproblem, sondern oft Ausdruck eingeschränkter Funktion in Hüfte oder Sprunggelenk. Wahre Leistungsfähigkeit entsteht nicht durch erzwungene Symmetrie, sondern durch ein Gleichgewicht, das der Natur des Körpers entspricht.
Das Zwerchfell als innerer Rückenstützgurt
Die Verbindung zwischen Bewegung und Atmung geht weit über die bloße Sauerstoffaufnahme hinaus – sie ist strukturell. Die Zwerchfellatmung wirkt wie ein natürlicher Rückenstützgurt. Beim Atmen durch die Nase wird das Zwerchfell aktiviert, wodurch gleichzeitig die tiefen stabilisierenden Muskeln des Rumpfes und der Gesäßmuskulatur arbeiten. Der dabei entstehende intraabdominelle Druck verleiht der Wirbelsäule die Stabilität, die für effiziente Bewegung notwendig ist.
Chronisches Mundatmen unterbricht diesen Mechanismus. Die Belastung verlagert sich in den oberen Brustkorb, aktiviert eine permanente „Fight-or-Flight“-Reaktion und lässt die Wirbelsäule ungeschützt zurück. Der Verlust dieser inneren Stabilität zwingt das Bewegungssystem zur Kompensation – und führt direkt zurück in die Falle erzwungener Symmetrie. Ist der Atem flach, hektisch und unkoordiniert, werden auch die darauf aufbauenden Bewegungsmuster fragil.
Der Bohr-Effekt und das Sauerstoff-Paradoxon
Eine der kontraintuitivsten Leistungsbremsen ist das sogenannte Sauerstoff-Paradoxon. Viele Athleten glauben, dass große, tiefe Atemzüge in Ruhe oder unter Belastung die Sauerstoffversorgung der Muskulatur verbessern. In Wirklichkeit geschieht oft das Gegenteil. Chronisches „Überatmen“ – also mehr Luft zu bewegen, als der Stoffwechsel benötigt – kann die Muskulatur funktionell unterversorgen.
Der Schlüssel liegt im Bohr-Effekt, einem grundlegenden Prinzip der menschlichen Physiologie. Damit Sauerstoff aus dem Hämoglobin freigesetzt und an Muskeln und Gehirn abgegeben werden kann, ist eine bestimmte Konzentration von Kohlendioxid (CO₂) notwendig. Beim Überatmen wird zu viel CO₂ abgeatmet. Ohne diesen physiologischen Auslöser hält das Hämoglobin den Sauerstoff fest, anstatt ihn freizugeben. Die Zellen bleiben unterversorgt, obwohl „genug Luft“ in der Lunge ist. Große Atemzüge in Ruhe erhöhen also nicht die Leistungsfähigkeit – sie wirken ihr entgegen.
Dieser Effekt wird durch den modernen Lebensstil verstärkt. Langes Sitzen in gebeugter Haltung schränkt die Beweglichkeit des Zwerchfells ein, und ständiges Sprechen hält uns in einem Zustand chronischer Hyperventilation. Im wahrsten Sinne des Wortes reden wir uns aus unserem eigenen körperlichen Potenzial heraus.
Die Spitze des Eisbergs
Wenn Schmerz schließlich auftritt, betrachten wir ihn oft als Anfang des Problems. Tatsächlich ist er meist nur die Spitze des Eisbergs. Unter der Oberfläche verbirgt sich eine massive Basis aus muskulären Dysbalancen, mangelnder Gelenkstabilität und unzureichender Anpassung an Belastung.
In diesem Kontext ist Erholung keine Pause von der Arbeit – sie ist ein fundamentaler Teil davon. In Phasen relativer Ruhe remodeliert der Körper Gewebe und baut die Widerstandsfähigkeit auf, die für zukünftige Belastungen nötig ist. Moderne Regeneration bedeutet daher nicht vollständige Inaktivität, sondern gezielte Bewegung: langsames, schweres Belasten von Sehnen oder das Wiederherstellen der Hüftbeweglichkeit, um einen überlasteten unteren Rücken zu entlasten. Ziel ist es, Vertrauen, Kontrolle und Kapazität zurückzugewinnen.
Mehr als nur ein „Stein im Schuh“
Der Weg zur Spitzenleistung ist selten mit Hightech-Lösungen oder komplexen Supplementen gepflastert. Er basiert auf der Beherrschung der Grundlagen: dem Respekt vor der natürlichen Asymmetrie des Körpers, dem Schutz der Rumpfstabilität durch Nasenatmung und dem Verständnis, dass Kohlendioxid kein Abfallprodukt, sondern ein Partner ist.
Mit Blick auf das nächste Trainingsziel lohnt es sich, an die Worte von Muhammad Ali zu denken:
„Es sind nicht die Berge vor dir, die dich ermüden – es ist der Stein in deinem Schuh.“
Für den modernen Athleten ist der „Berg“ des Wettkampfs selten das eigentliche Problem. Die wahre Herausforderung liegt im verborgenen Stein: einer chronischen Überatmung oder einem Bewegungsmuster, das gegen das natürliche Gleichgewicht des Körpers arbeitet. Erst wenn diese fundamentalen Schwachstellen behoben sind, kann die innere Infrastruktur die eigenen Ambitionen wirklich tragen.